14.11.2015

Gemeinsam Stärke zeigen.

Ich wohne aktuell im kleinsten Zimmer einer WG in einem ländlichen Ortsteil der englischen Stadt Coventry. Ich studiere hier. Mein Zimmer ist wirklich klein. Meine angeborene Unordnung, die auch in diesem kleinen Zimmer vorherrscht, lässt es noch kleiner wirken. Aber auch ohne diese Unordnung kann ich meinen Drehstuhl nicht drehen, solange ich darauf sitze, sonst würde ich am Bett oder Schreibtisch hängen bleiben. Es ist so eng hier, dass ich manchmal denke, ich sollte rückwärts hineingehen, um dann später wieder vorwärts herausgehen zu können.

Und dennoch, selbst auf diesen acht Quadratmetern herrscht mehr Freiheit, als in dem System, das diese IS-Gestalten propagieren, die gestern Paris überfallen haben und sich zu dem Anschlag bekennen. Ein System ohne Meinungsfreiheit, ohne Pressefreiheit, ohne Religionsfreiheit, ohne die Würde des Menschen, mit Diskriminierung, mit Antisemitismus, mit Sexismus und mit Hunderten Hinrichtungen täglich - viele davon gestern in Paris. Dort leben Gestalten, die es nicht schaffen, sich auf militärischer Ebene gegen Frankreich durchzusetzen und sich deshalb lieber direkt an den Bürgern rächen. Das ist feige. Das ist wie, wenn ein Zwölfjähriger eine Schulhofskeilerei verliert und deswegen den viel jüngeren Bruder seines Widersachers grün und blau schlägt.

Die Liebe, die einem das Christentum auch gegenüber seinen Feinden abverlangt, konnte ich für diese Feinde von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der letzten Nacht nicht empfinden.

Jetzt müssen wir Stärke zeigen. Das "mit Terroristen nicht zu verhandeln ist" hat weder nach dem Deutschen Herbst, noch nach dem Tod von Bundeskanzler Helmut Schmidt seine Gültigkeit verloren. Wir stehen zusammen gegen diese Form der Gewalt und gegen dieses menschenverachtende System. Wir, das sind nicht nur Frankreich und Deutschland - deren Freundschaft stärker, als jedes Militärbündnis ist -, nicht nur die Europäische Union, Vereinigten Staaten und Russland. Wir, das sind auch fast alle Moslems dieser Welt. Egal ob sie im Nahen Osten, in der EU, der Türkei, Pakistan oder sonst wo aufgewachsen sind. Ob sie gläubig, streng gläubig, wenig gläubig oder überhaupt gar nicht gläubig sind. Lasst uns heute um die Opfer trauern und es morgen gemeinsam anpacken.

Foto: Stefan Kaspar/pixelio.de

29.09.2014

Google und Amazon, die Bösen im Internet

Wenn ich gerade nichts Besseres vor habe, so lese ich die ZEIT. Da ich in letzter Zeit oft etwas Besseres vorhatte, habe ich meistens mehr die Überschriften überflogen und es ist sogar passiert, dass die ZEIT von meinem Briefkasten über meinen Schreibtisch ungelesen in den Papierkorb geflogen ist. In einer der ZEITen, die dieses letztere Schicksal nicht geteilt hat, wurde die Frage aufgeworfen: "Brauchen wir Amazon?". Doch stellt sich diese Frage?  Die ZEIT stellt Amazon dar als Hilfsorganisation für Menschen, die abgeschnitten auf dem Land wohnen, kein Auto, nur zwei Busverbindungen am Tag haben und dennoch Bücher lesen möchten. Ganz ähnlich ergeht es Google. Bundesjustizminister (und Saarländer) Heiko Maas beschuldigt Google unlauteren Wettbewerb zu betreiben, in dem sie ihre eigenen Produkte in ihren Suchergebnissen nach oben pushen. Die Google-Suchmaschine soll offenbar die Stiftung Warentest für Webseiten sein, die so unabhängig ist, dass sie sich sogar potenziell selbst schlecht bewertet.

Doch das ist falsch. Google und Amazon sind international agierende Kapitalisten, nicht mehr und nicht weniger. Sie machen exakt das, was alle Kapitalisten machen, sie streben nach ihrem eigenen Glück und erfüllen laut Adam Smith damit die optimale Strategie für das Wohl aller. Letzteres ist nun nicht passiert. Amazon dominiert den Endverbraucher-Markt, Google dominiert das Suchmaschinen-Geschäft und viele andere Märkte ebenfalls.

Warum ist das so? Google ist einfach eine erstklassige Suchmaschine (siehe in dem Artikel, in dem ich die Funktionsweise von Google erklärt habe) und konnte sich mit ihren werbefinanzierten anderen Projekten zum Teil noch zusätzlich gut positionieren (Analytics, Earth, Maps, Android, Chrome,...); wirklich zum Teil denn andere Projekte sich richtig gefloppt (Google+). Da nun Google quasi öffentlich zugeben musste, dass sie keine Stiftung Warentest sind, könnten sie einen großen Vertrauensverlust erleiden. Daran glaube ich nicht, denn das bedeutet (fast) nur, dass wenn jemand nach einem Thema sucht, welches in latzzeichen schon behandelt wurde, dass dann der latzzeichen-Link relativ weit oben sein wird, denn latzzeichen läuft über Blogspot, welche wiederum zu Google gehört, und das ein latzzeichen-Artikel ein prima Suchergebnis ist, steht ja wohl außer Frage. ;)

Bei Amazon ist die Frage schwieriger zu beantworten. Wenn man auf die Elektronik-Branche von Amazon schaut, so hat auf Deutschland bezogen einer ganz gehörig geschlafen: Metro. Saturn und Media Markt sind etwa 20 Jahre zu spät in den Online Handel eingestiegen. Für den restlichen deutschen Endverbraucher-Handel sieht es kaum besser aus: Karstadt steckt durchgehend entweder im Insolvenzverfahren oder ist gerade von einem Investor aufgekauft worden. Sowohl unter Neckermann.de, als auch unter Quelle.de erreicht man einen Onlineshop von Otto, welche wiederum in der Vergangenheit mehr Schlagzeilen über schlecker-ähnliche Arbeitsbedingungen, als Gute hatten. 

Amazon und Bücher ist ein ganz anderes Thema. Amazon ist weithin der Marktführer bei den Buchhändlern. Ich bin eine bei-Amazon-Buch-Besteller. Es geht meistens fix, bei Büchern ohne Buchpreisbindung (z.B. amerikanische Lehrbücher) ist es günstig und es ist vor allem total gemütlich. Es ist wohl meine eigenen den-Mund-nicht-voll-bekommen-Mentalität. Fix war es auf dem Bücher-Markt schon immer, die Buchpreisbindung gibt es auch schon lange und als unbequem habe ich den Weg zu einem Buchladen noch nie empfunden. Irgendwie hat Amazon sich durchgewurschtelt und eine riesige Marktmacht erreicht, weil die Menschen laut dem ZEIT-Artikel "falsch" gehandelt haben. Haben sie aber gar nicht. Die Marktmacht die Amazon hat, setzt Amazon überhaupt nicht gegen die Kunden ein, denn das ist auf dem Buchmarkt (Stichwort: Buchpreisbindung) sehr schwer und dafür ist die Konkurrenz viel zu groß. Ich würde sagen, die Strategie: "Bei Amazon kaufen" ist durch den gebotenen Service für den Wohlstand der Endverbraucher optimal. 

Warum ist Amazon dann der Böse? Sie "erpressen", laut ZEIT, Verlage. Da Erpressung ein Straftatbestand ist und Verleumdung ebenfalls, verwende ich lieber den Ausdruck: Sie setzen Verlage unter Druck. Die Verlage können sich einzeln nicht wehren, also tun sie dies gemeinsam und kassieren deshalb mit großer Sicherheit eine Kartellstrafe. Das Leben ist hart und Amazon ist böse.

Reich-Ranicki hat in einem seiner vielen literarischen Quartette die Verlage zu durchdachtem, wirtschaftlichem Handeln aufgefordert. Ohne es zu wissen, glaube ich, dass das Problem vieler Verlage genau dort liegt und nicht bei Amazon. Zu viele literarische Weltereignisse, die niemand je gekauft hat, liegen in Lagerhallen und haben Millionen oder Milliarden verschlungen. Amazon hat der Konkurrenz den kompletten E-Book-Reader-Markt vor der Nase weggeschnappt; das hätte nicht passieren dürfen. E-Book-Reader gibt es im freien Handel immerhin schon seit fast 25 Jahren. Ich übertreibe, wenn ich sage, dass die "Amazon-ist-böse"-Strategie der Verleger in etwa so ist, wie ein Lehman-Brothers-Bänker, der in einem Ferrari rumgurkt und sich über die hohen Benzinpreise beschwert.

Google und Amazon sind in manchen Bereichen auf dem Weg zum Monopol. Nicht nur, weil sie sich genauso verhalten haben, wie Kapitalisten das tun (und sollen), auch weil alle anderen (mit offenem Mund) zugesehen haben, die gleichen Fehler wieder und wieder begangen haben und gemeckert haben. Statt zu arbeiten. Und zu beten.

23.02.2014

Kulturförderung: Zwischen den Lagern.

Sollte der Staat Kultur fördern? Ist eine sehr umstrittene Frage in Deutschland. Fragt man Claus Peymann, einer der - von mir aus - größten Schauspiel-Regisseur unserer Zeit, so ist die Antwort wohl eindeutig. Genauso eindeutig und dennoch grundverschieden ist die Antwort, wenn man ein durchschnittliches Mitglied der Jungen Union fragt. Ich gehöre selbst auch der Jungen Union an und das gerne, dennoch sollte ich hier nicht Muster stehen für einen durchschnittlichen JU’ler, weil ich in diesem Thema anders denke, als der durchschnittliche JU’ler, was wiederum nicht der Tatsache widerspricht sich dennoch als JU’ler zu identifizieren. Während Herrn Peymann, nach seiner Antwort zur Frage über die Kulturförderung, noch über die Verschwendungssucht des Staates spricht und die vielen anderen Bereiche benennt, in denen Geld gespart werden könne, würde die Junge Union argumentieren wie sehr man das Geld, das in die Kulturförderung geht, an anderer Stelle gebrauchen könne und wie unwichtig ein Theater oder ein Orchester sei.

Ich habe mir nie eine genaue Meinung zur Kulturförderung gemacht außer diejenige, die besagt, dass sowohl Herrn Peymann, als auch die Junge Union hier falsch liegen. 

Zuerst zur Jungen Union. Kultur ist ein wichtiger Punkt in der Bildung eines Menschen, sowohl in der Schulbildung, als auch in der persönlichen Entwicklung. Außerdem sorgt Kultur für anregende und zerstreuende Freizeitgestaltung. Das kann sowohl eine Oper oder ein Konzert sein, als auch ein Besuch im historischen Museum. Kurzum: Kultur macht das Leben etwas lebenswerter. Damit wiederum sollten Kulturschaffende einen Anreiz bekommen, weiterhin Kultur zu schaffen. Das geht über staatliche Subventionierung oder Bereitstellung von Theatern, Konzerthallen, Museen und Musik- und Kunst(hoch)schulen oder zum Beispiel in der Bewahrung von historischen Kulturgütern.

Für Herrn Peymann ist diese Bereitstellung von Theatern und passendem Personal ein echter Glücksfall. Er verdient Monat für Monat, streng nach der Tarifverordnung des öffentlichen Dienstes, ein hübsches Sümmchen - auch das lässt ihn übrigens nicht davor zurückschrecken gegenüber seinem Arbeitgeber in ordentlicher 68er-Manier zu meckern. Für die Berliner Bürger und Touristen ist es sicherlich aber auch ein Glücksfall, da diese somit den von ihm inszenierten Stücken im Berliner Ensemble folgen können und dabei wahrscheinlich sowohl anregende als auch zerstreuende Momente erleben. Im Gegensatz zur Jungen Union wiederum gönne ich diesen das, auch wenn ich selbst diese Ehre noch nicht hatte. 

Kultur ist mir also wichtig, aber Kultur ist nicht das Einzige. Innere Sicherheit, Wirtschaftsförderung, Schulen und Autobahnen braucht der Mensch ebenso, vielleicht sogar noch mehr, als ein gepflegtes Konzert von Josef Haydn oder eine Gemäldeausstellung von Salvador Dalí. Die Forderung noch mehr Geld für Kultur auszugeben, wie von Peymann getätigt, kann ich also eher schwer nachvollziehen, ebenso halte ich einige Kultursubventionen für kaum gerechtfertigt. Folgende drei möchte ich nennen.

Die Aufrechterhaltung des UNESCO-Weltkulturerbe-Status der Völklinger Hütte kostet das Saarland jährlich Millionen. Mehr Millionen übrigens als die Finanzierung der Informatik an der Universität des Saarlandes, die immerhin bundesweiten Exzellenz-Status genießt. (Zumindest gab es diese Situation vor einigen Jahren, ich habe mich nicht in den aktuellen Landeshaushalt eingelesen.) Der Blick in die Vergangenheit ist notwendig für jeglichen Blick in die Zukunft, eine gute finanzielle Förderung wiederum ist hinreichend auf einen guten Blick in die Zukunft.

Unter anderem für die Finanzierung von Bundesliga-, DFB-Pokal-, Fußball-WM-, Fußball-EM- und Champions-Legeau-im-Fernsehen-sehen zahle ich, wie ganz viele andere Bundesbürger auch, alle drei Monate unfreiwillig über 50€ an das öffentlich-rechtliche Fernsehen. (Damit möchte ich ganz offiziell keine Diskussion über Fußball im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anstoßen, höchstens eine Diskussion über die reine Masse an Fußball, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft und die Höhe der Fernsehgelder, die Vereine und Verbände für diese Übertragungen erhalten aus den Rundfunkgebühren erhalten.)

Genau dann, wenn ein öffentlicher Auftraggeber ein Gebäude bauen lässt, zum Beispiel ein Universitätsgebäude, ein Rathaus, ein Parlament oder ein Kindergarten, muss ein Teil (ich glaube es sind 2% des Baubudgets, man verbessere mich, wenn ich falsch liege) dieses Geldes in Kunst investiert werden. Das können Gemälde sein, die man in Sitzungssäle hängt, ein Indoor-Blumenbeet oder man streicht vier Ruderboote jeweils in gelb, rot, schwarz und blau an, hängt sie mit Motoren an die Decke eines Treppenhauses die so eingestellt sind, dass sie sich die ganze Zeit hoch und runter bewegen. Wie man das Kunstbudget umsetzt, hängt hierbei einzig und allein davon ab, wie sehr oder wenig durchgeknallt derjenige ist, der die Auswahl hat. Während der saarländische Landtag (Gemälde) das ganz schlau und gut aussehend gelöst hat, ist die Entscheidung der Gemeinde Riegelsberg (Blumenbeet) schon als verrückter anzusehen und die des Deutschen Bundestages im Jakob-Kaiser-Haus (Ruderboote) als schon ziemlich - naja - merkwürdig. Die Kritik ist hier: Kunst am Bau ist nicht immer pragmatisch und dennoch schön und ausdrucksvoll, sondern manchmal auch: Zuviel des Guten. Insbesondere bei sehr teuren Bauten, bei denen man über alle Maßen “kreativ” sein muss, um die Unmengen an Mitteln, die im Kunstbudget veranschlagt sind, raushauen zu können.

Das Fazit habe ich eigentlich schon vorweggenommen. Ich formuliere es folgendermaßen um: Für den Betrag der Kulturförderung der Bundesrepublik Deutschland, der Länder, Bezirke, Kreise und Kommunen gilt im Optimum das Folgende: Er sollte größer als 0, kleiner als unendlich und vernünftig sein. (Ohne Beweis.)

27.12.2013

Peinlich - oder - die schlechteste Protestaktion aller Zeiten.

I am god. Ich bin Gott. Die deutsche Femen-Aktivistin, die mit diesem Spruch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben dürfte, hatte ihn auf die nackte Brust geschrieben, als sie in der Weihnachtsmesse des Hohen Doms zu Köln vor Erzbischof Kardinal Meißner rumgehüpft ist.

Wie hoffentlich viele andere Menschen, die diesen Vorfall verfolgen, frage auch ich mich: Was sollte das Ganze? An und gegen wen richtet sich der Protest? Die erste Teilfrage ist einfach zu beantworten: Offenbar an die Kirchgänger, klischeehaft gesagt vielleicht das deutsche (Klein-)Bürgertum. Die zweite Teilfrage hat es in sich. 

Gegen wen wurde hier protestiert? Gegen Putin, der gerade Pussy Riot freigelassen hat? Gegen Kardinal Meißner, der kurz vor seinem Ruhestand steht? Gegen die römisch-katholische Kirche, deren Papst gerade einen Modernisierungskurs fährt, den es seit dem Vaticanum II, auch bekannt als das zweite Vatikanischen Konzil, unter Johannes XXIII. nicht mehr gegeben hatte? Gegen die neue Bundesregierung, die noch nicht einmal einen Monat im Amt ist? 

In der Hoffnung auf Aufklärung zu stoßen, habe ich die Webseite der deutschen Femen-Gruppe begutachtet. Dort konnte man erfahren, dass die junge Dame schonmal zu vier Monaten Gefängnis in Tunesien verurteilt wurde und das die Mitglieder der bekannten russische Band Pussy Riot zwei Jahre in einem russischen Arbeitslager verbracht hatten, weil sie in einer russischen Kathedrale protestierten. Die Kritik an der Aktion, die einige Facebook-Nutzer kundtaten, wurde 'nicht-kommentiert' zur Schau gestellt.

Den - ebenfalls nicht-kommentierten - Vergleich des russischen und tunesischen Rechtssystems mit dem deutschen halte ich für eine Beleidigung eines jeden, der unter dem russischen und tunesischen System leidet. Die, zur Schau gestellten, Facebook-Posts, in denen die Aktivistin angegriffen wird, sollen scheinbar die Verderbtheit der Deutschen darstellen und uns alle zum Denken anregen. Klappt nicht.

Vielleicht war es mir von Anfang an klar, aber jetzt weiß ich es sicher: Diese Aktion diente keiner politischen Forderung. Sie traf keinen Nerv und regte damit auch nicht zum Denken an, höchstens zum Nachdenken über die Verkommenheit deutscher Protestkultur. Sie diente zur Werbung für Femen, die lange keine Schlagzeile mehr hatten, und scheinbar zur Befriedigung einer exhibitionistischen Veranlagung bei der Aktivistin. Was ist eine Protestgruppe, die nur für Schlagzeilen protestiert? Peinlich. Vielleicht noch weniger, aber in keinem Fall mehr. Gelten die letzten beiden Punkte nicht, also hatte dieser Protest nichts mit Eigen-Werbung und - naja - Erfüllung der eigenen Veranlagung zu tun, dann sollte er in die Geschichte eingehen als die schlechteste Protest-Aktion aller Zeiten. Denn welches Ziel es auch jemals hatte, erreicht wurde es nicht.

30.11.2013

Mitgliedervotum? Ja, geht schon, aber...

CDU und CSU: Dagegen. SPD: Dafür. Ergebnis: Ein schlechter Kompromiss. Für beide.
Nachdem SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel und Frau Slomka vom ZDF in einem Interview aneinandergeraten sind, habe ich mich  ernsthaft mit der Frage befasst: Mitgliedervotum über einen Koalitionsvertrag, geht das? Verfassungsrechtler zu zitieren, wie Frau Slomka, hätte mich wahrscheinlich auch zur Weißglut getrieben. Natürlich kann eine Partei über einen Koalitionsvertrag per Urabstimmung entscheiden. Die Argumentation von Herrn Gabriel war ebenfalls richtig.Warum sollten 474.820 nicht entscheiden dürfen, weil es zu wenige sind, 20 im CDU-Vorstand aber schon.

Die Frage ist, ob man es - unabhängig vom erwünschten Wahlergebnis - machen sollte. Urabstimmungen stehen grundsätzlich nur "simplen" Entscheidungen zur Verfügung. Dabei geht es nicht um die Tragweite einer Entscheidung, es geht um das benötigte Hintergrundwissen.
  • Stuttgart 21: Einfach zu erlangendes Hintergrundwissen, super für Urabstimmungen. 
  • Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank: Sehr komplexe Prozesse und viel Fachwissen, Urabstimmung? Keine gute Idee. 
Eine Entscheidung über einen Koalitionsvertrag zähle ich nicht zu den "simplen" Entscheidungen. Warum? Jeder sieht, dass das nicht SPD-pur ist. Das kann es auch gar nicht sein. Die SPD ist nur ein Drittel der Koalition. Alle 474.820 SPD-Mitglieder dürfen also unabhängig von der Enttäuschung über Punkte im Koalitionsvertrag sich nicht überlegen: "Ist das gut für die SPD?" oder "Entspricht das den Prinzipien, die wir als optimal für einen Politikbetrieb bezeichnen würden?". Sie müssen die Frage beantworten: "Ist das, was Sigmar da rausgeholt hat, das maximal Mögliche, angesichts des Wahlergebnisses?" Das können jedoch nur wenige Hände voll von Menschen. Das sind echte Insider im Politikbetrieb, Teilnehmer der Verhandlungen und Spezialisten auf betreffenden Sachgebieten. Das wiederum sind etwa 474.800 SPD-Mitglieder nicht.

Mitgliedervotum zum Koalitionsvertrag geht, sinnvoll ist es nicht. Wie es ausgeht? Keine Ahnung.

Bildquelle: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft/PIXELIO